Zur Geschichte von Rudlos und vom HOFGUT

Das Dorf Rudlos ist der älteste und zugleich kleinste Stadtteil der Kreisstadt Lauterbach im Vogelsbergkreis, eingemeindet 1939. Erstmalig erwähnt im Jahre 1341, damals mit Namen Rudolfs, findet es sich später auch als Ruôdolfs (1435) oder Rudles. Hier steht die kleinste Fachwerkkirche Oberhessens, die 1691 erbaut wurde. Gegenüber und um die Kirche finden sich die Gebäude des Hofguts, die das alte Dorf dominieren. Oberhalb des Hofguts finden sich noch zwei kleine Höfe, einige Wohnhäuser, ein Backhaus und ein Spielplatz. Das „Neudorf“ auf der anderen Seite der Rudel, dem das Dorf durchfließenden Bach, ist bis auf einen Hof erst nach 1945 entstanden: Nach dem Krieg gelangten viele Flüchtlinge aus dem Sudetenland hierher, fanden auf dem Hofgut Arbeit und ließen sich nieder. Obwohl mittlerweile nur noch gut 70 Einwohner zählend, hat Rudlos eine eigene Feuerwehr mitsamt Löschfahrzeug. 1994 wurde das zwischen den beiden Dorfteilen gelegene Feuerwehrgerätehaus vollständig umgebaut und in das neu errichtete Gemeinschaftshaus integriert. Für die Jugendlichen steht ein umgebauter Bauwagen als Jugendraum zur Verfügung.

 

 

Fachwerk-Kirche von Rudlos
Fachwerk-Kirche von Rudlos

Zur Geschichte des Hofguts Rudlos:

Das Gut Rudlos wird erstmalig im Jahre 1365 erwähnt, als ein Ritter Heinrich von Eisenbach dieses an einen Herrn Heinrich von der Au für 30 Pfund Heller Lauterbacher Währung verkaufte.

 

Der Besitz ging später an die Familie der Riedesel Freiherren zu Eisenbach über. Diese Familie regierte Lauterbach und Umgebung als reichsunmittelbares Baronat mit eigener Gerichtsbarkeit, eigener Administration und eigener Währung von 1428 bis 1806.

 

Aufgrund seiner Größe und Flächenstruktur stellte das Hofgut Rudlos in der ansonsten kleinbäuerlich geprägten Landwirtschaft der Region eine Ausnahme dar. Heinrich Wicke, Pächter des Hofguts ab 1928, nutzte dies und schuf bis Mitte des 20. Jahrhunderts einen besonders im Bereich Tierhaltung seinerzeit innovativen, hochmodernen Betrieb und damit die Grundlage für die spätere Nutzung als Versuchsgut.

 

1942 veräußerte die Familie Riedesel den Betrieb als „Versuchs- und Mustergut“ an die Behring-Werke der IG‑Farben in Leverkusen, wenngleich die Familie Wicke das Gut noch bis 1954 bewirtschaftete. Nach der Entflechtung der IG-Farben zu Beginn der 1950er Jahre wurde das Hofgut Rudlos den Farbenfabriken Bayer, Leverkusen (später Bayer AG) zugesprochen.

 

In den Jahren 1954 – 1957 erfolgte der Abriss und Umbau des gesamten Gebäudekomplexes durch den neuen Besitzer nach damals neuesten betriebsorganisatorischen Erkenntnissen. Lediglich das 1620 errichtete Gutshaus blieb erhalten.

Geplant war zudem die Einrichtung eines veterinärmedizinischen Instituts in Rudlos. Der Betrieb sollte der veterinärmedizinischen und veterinärpharmazeutischen sowie der agrochemischen Forschung dienen.

 

1966 veräußerte die Bayer AG das Hofgut an den Nassauischen Zentral-Studienfonds (NZF) mit Sitz in Darmstadt. Gleichzeitig wurde der Betrieb verpachtet an die Justus-Liebig-Universität Gießen, die ihn dem Institut für Tierzucht und Haustiergenetik für Versuchszwecke in der Tierzucht und Tierhaltung zur Verfügung stellte.

 

Bis weit in die 1980er Jahre wurde eine Vielzahl verschiedener Nutztiere gehalten. Neben Milchkühen, Milchschafen, Mutterschafen und Legehennen wurden auch Masthähnchen, Mastschweine sowie Sauen mit ihren Ferkeln gehalten. Die letzten Arbeitspferde wurden Anfang der 1970er Jahre endgültig von Traktoren verdrängt.

 

Wenngleich es sich um einen Versuchsbetrieb mit vielen Tieren handelte, wurden hier keine Tierversuche im negativen Sinne durchgeführt. Vielmehr ging es um Leistungsoptimierung durch Zucht, Fütterung und Haltungsbedingungen, aber auch um das Verhalten der Tiere. Mustergültig kann der als Offen- und Freilaufstall konzipierte Kuhstall auf Tiefmisteinstreu gelten. Erbaut in den 1950er Jahren, zu einer Zeit als man noch davon ausging, dass Wiederkäuer es wie wir Menschen im Winter gerne warm hätten und man sie andernorts deshalb in muffige Warmställe mit Anbindehaltung pferchte. Dass aber ein Rind sich im Winter bei etwa -10°C auf frischer Stroh-Einstreu am wohlsten fühlt, konnte, und kann man nach wie vor, jeden Winter in Rudlos beobachten.

 

 

In den 1950er Jahren als Offenstall konzipierter Milchviehstall
In den 1950er Jahren als Offenstall konzipierter Milchviehstall

Ein Teil des Offenstalls brannte allerdings 1977 ab und wurde nach zu dieser Zeit modernsten Erkenntnissen wieder errichtet: als geschlossener Stall mit Firstlüftung. Das stellte - nach heutigem Wissenstand - jedoch keine Verbesserung dar, vielmehr werden heute fast alle neu gebauten Ställe als Offenställe konzipiert.

 

In den 1980er und 1990er Jahren verlagerten sich die Forschungsschwerpunkte, so dass die Tierhaltung nach und nach an Vielfalt verlor. Zunächst wurde die Geflügelhaltung eingestellt, später die Sauenhaltung und Schafsmilcherzeugung. 1993 wurden die letzten Schafe abgegeben und 1997 verließ die letzte Milchkuh den Betrieb. Übrig blieben ca. 750 Mastschweine und 300 Mutterkühe, je 150 Kühe der Rasse Deutsch Angus und Fleckvieh-Fleisch.

Im Focus der wissenschaftlichen Untersuchungen standen seit 1997 genetische Aspekte von Umgänglichkeit, Verhalten und Temperament von Fleischrindern.

 

Nach 43 Jahren im Dienste der Forschung und Lehre beendete die Justus-Liebig-Universität im Zuge von Umstrukturierungen aus Kostengründen den Pachtvertrag mit dem Nassauischen Zentralstudienfonds zum 31.12.2009.

Das Hofgut Rudlos wurde zur Neu-Verpachtung ausgeschrieben und wird seit 01.01.2010 privatwirtschaftlich verwaltet

 

Und wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die einstige Vielfalt - bei kleineren Herdengrößen - wieder aufleben zu lassen...

 

Weitere Informationen zur Rudloser Geschichte finden Sie auch bei Wikipedia unter http://de.wikipedia.org/wiki/Rudlos.